Geschichte

Älteste Erwähnung von Ginsheimer Schiffsmühlen

Von unserem Mitglied Carl Guthmann, Ginsheim

Bei meinen Archivrecherchen im Rahmen einer Forschungsarbeit stieß ich mehr oder weniger zufällig auf ein Dokument, das sich unter der Signatur 1008 a, 182 a, 33-35(in) im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befindet; siehe https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showArchivalDescriptionDetails.action?archivalDescriptionId=3569724&executionId=4NzvOQFMkx.

Leider habe ich bisher nur das Kurzregest, d.h. die gekürzte Abschrift gelesen und noch nicht die Originalurkunde, wo möglicherweise weitere Informationen zu finden sein könnten. Darin werden Ginsheimer  Rheinmühlen im Zusammenhang einer „Eheberedung“ im Jahr 1473 zwischen Diether von Hoemberg (auch Besitzer eines nicht mehr identifizierbaren Gutshofes in Ginsheim) und seiner Frau Lyse von Scharfenstein (Besitzerin des heutigen Dauborn-Hauses, Hauptstraße 44) genannt. Letztere bringt als „Heimsteuer“ (vermutlich Aussteuer) von ihren Brüdern die Rechte am Mühlenwasser und an zwei Mühlen auf dem Rhein sowie weitere Acker- und Hofgüter mit.

Dies stellt nach derzeitigem Forschungsstand wohl die älteste Erwähnung von Schiffsmühlen in Ginsheim dar und belegt somit eine 550-jährige Tradition. Möglich ist, dass zu diesem Zeitpunkt noch weitere Mühlen existierten, allerdings ist dies eher unwahrscheinlich, da das Mühlenwasser eben explizit erwähnt wird.

Eine weitere interessante Eintragung stammt aus dem hessischen Dorfbuch des Amtes Kelsterbach aus dem Jahr 1629/1630, worin für Ginsheim drei Rheinmühlen aufgeführt werden,  die dem Landgrafen keine Abgabe gezahlt haben und somit „abgeschafft“ oder „mit Abschaffung bestraft“ werden sollen  (Quelle: Staatsarchiv Marburg, S, 50 II),  Wie diese Mühlen ausgesehen haben könnten, ist durch einen Kupferstich von Mainz aus dem Jahre 1646 von Merian gut belegt und kann auch für die Ginsheimer Mühlen angenommen werden.

Weitere Erwähnungen aus den 1660er Jahren sind in den Ginsheimer Kirchenbüchern zu finden. Sie beweisen, dass die Mühlen als regionaler Wirtschaftsfaktor durchaus bedeutsam waren. Es ist nachzulesen, dass sich viele Mühlenknechte aus fernen Ländern, wie z.B. ein Martin Märl aus dem Land ob der Enns (d.h. Oberösterreich, 1664), oder ein Judas Taddeus Rauch, molsbergischer Mühlknecht (die Molsbergs besaßen Ländereien auf den Rheininseln und eine eigene Schiffsmühle) aus Herrieden in Bayern (1703) in Ginsheim aufhielten. Berichtet wird auch über Affären der fremden Mühlburschen mit Ginsheimer Mädchen, aus denen teilweise uneheliche Kinder hervorgingen (so zum Beispiel 1669 und 1670) –  worauf sich die Väter heimlich aus dem Staub machten …

Alle diese Dokumente zeigen, dass die Mühlen damals nicht den einfachen Ortsbewohnern, sondern eher Adligen und/oder reichen Bürgern gehörten, z.B. Mainzer Patrizierfamilien wie den Scharfensteins und Molsbergs, die ohnehin schon im Ort begütert waren. Sie vermitteln außerdem einen Einblick in den damaligen – wohl nicht immer ganz sündenfreien – Alltag auf den Schiffsmühlen.

Tage der Industriekultur Rhein-Main 2024

Voller Energie – so lautet das Thema der diesjährigen „Tage der Industriekultur Rhein-Main“. Sie erfahren Neues über Technik und die Geschichte der Energieversorgung und -gewinnung. Darüber hinaus geht es um die Zukunft: Welche Energien werden wir nutzen? Wie können die Transformationen gut bewältigt und gestaltet werden? Veranstaltungen wie Betriebsführungen, Ausstellungen, Rad- und Schiffstouren und vieles mehr führen Sie zu vielfältigen Orten der Industriekultur in der Region.

Energie ist die Basis für die Industrie und somit, gestern wie heute, maßgeblich für die Entwicklung und Ausgestaltung der Kultur- und Industrielandschaft in der Rhein-Main-Region. Das abwechslungsreiche Veranstaltungsprogramm führt zu authentischen Orten in der Metropolregion und zeigt, wie im Laufe der Zeit Energie gewonnen und genutzt wurde, von der Wasserkraft in historischen Mühlen, über den Dampfantrieb von Maschinen, bis hin zum elektrischen Strom aus Kraftwerken.

Die Schiffsmühle ist selbstverständlich mit dabei und bietet neben den üblichen Führungen zu den bekannten Öffnungszeiten noch zwei Sonderveranstaltungen an:

 

Der Ponton der alten Schiffsmühle schwimmt noch!

Wir wissen ja schon recht viel über die Geschichte unserer alten Schiffsmühle, die in den Jahren 1892 gebaut und im Jahre 1895 mit damals sehr modernen Geräten ausgestattet wurde.

Der Mühlenaufbau ist bekanntlich durch Bombeneinwirkung in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1945 komplett abgebrannt. Hiervon ist nichts erhalten geblieben. Bezüglich des Verbleibs des aus Eisen zusammengenieteten Pontons zu dieser alten Schiffsmühle konnten wir aber bislang nicht zuverlässig antworten, in dieser Beziehung waren uns seither nur Gerüchte zu Ohren gekommen. Somit hatten wir nur fragmentarisch aus verschiedenen Schilderungen von Besuchern zusammenstellen können: der Rumpf hat den Angriff überstanden, da er ja aus Eisen bestand. Auf diesem Schiffsponton soll angeblich nach dem Krieg wieder ein neues Gebäude aufgestellt worden sein.

In der Schiffsmühlen-Info vom Dezember 2015 haben wir einen Zeitungsausschnitt wiedergeben können, den uns Frau Jutta Ries-Leitermann aus Mainz zugeschickt hat. Dieser Zeitungsbericht aus dem Jahr 1963 sagt zuverlässig aus, dass das Schiff samt einem neuen Aufbau in den Jahren zuvor nach St. Goar verbracht worden war. Sofort nach Erhalt dieser Neuigkeit habe ich mich an Franz-Josef Schwarz, Stadt-Archivar in St. Goar, gewendet, von dem weitere Auskunft vorliegt.

Auf die Veröffentlichung in unserer Schiffsmühlen-Info meldete sich unser Mitglied Norbert Rauch aus Flonheim, um uns seine weiteren Kenntnisse in dieser Angelegenheit mitzuteilen. Er sagte, dass das Haus sich wohl in Beinheim im Elsass, also in Frankreich, befinde, wo es heute von dem Motor-Yacht-Club Baden-Baden genutzt werde. Unser Mitglied Jürgen Petry aus Mainz, der als jahrzehntelanger Schiffs-Versicherer (fast) jeden Kieselstein zwischen Basel und Rotterdam kennt, machte weitere Recherchen. Auch ich klemmte mich hinter das Thema, sprach mit dem Ehren-Präsidenten des Motor-Yacht-Clubs Baden-Baden Florian Kaiser und mit dem Präsidenten Horst Jehle. Beide bestätigten in Telefongesprächen am 18. Dezember 2015, dass der Club das Objekt, also Ponton mit Aufbau, im Jahr 1968 gekauft hat. Florian Kaiser hat selbst die Überführung von St. Goar nach Iffezheim begleitet. Getrieben von meiner Neugier, fuhr ich am 21. Dezember 2015 mit meiner Frau nach Beinheim. Das mussten wir sehen und eventuell noch offene Fragen klären. Aus all dem kann nun Folgendes zusammengefasst werden:

Schon im Jahr 1946 hat die Reederei Bossmann einen neuen Aufbau aus Holz erstellt und diesen über mehrere Jahre hin etwa in der Höhe des heutigen Hotel Hyatt auf dem Rheinstrom in Mainz als Bürogebäude genutzt. Das Aussehen war beträchtlich geändert: das Haus hatte nunmehr ein weniger geneigtes Dach. Hierdurch gewann man eine Etage, die über einen Umlauf zu erreichen war. Verständlicherweise wurden keine Wasserräder mehr angebracht.

Nebenbei bemerkt: die Firma Bossmann wurde als Reederei sowohl von den Franzosen als auch von den Amerikanern bevorzugt behandelt, da sie die Schiffe, die ja fast alle zerstört oder geflutet waren, wieder betriebsfähig machen konnte. Die Schiffe wurden von den Besatzern dringend für Transportzwecke gebraucht. (Am leichtesten waren die meisten der von den Schiffern – befehlsgemäß – selbst gefluteten Schiffe wieder zu heben, da die Schiffer vorsorglich darauf geachtet hatten, dass die Schiffe beim Fluten möglichst wenig beschädigt wurden.)

Das komplette Büroboot wurde ca. 1956 an die Firma Bachmann & Johanny, Schiffs- und Maschinenbau St. Goar o.H.G. verkauft und in den Rheinfelshafen von St. Goar. verbracht. Es diente dort ebenfalls als Bürogebäude. Der letzte Inhaber dieser Firma, Peter Bachmann, verkaufte es im Jahr 1968 an den Motor-Yacht-Club (MYC) Baden-Baden. Das Schiff wurde in der Sandbachmündung in Iffezheim vertäut.

Dort konnte es allerdings nur bis 1973 bleiben. Durch den Bau der Staustufe Iffezheim musste der Hafen aufgegeben werden. Aufgrund mangelnder Möglichkeiten am deutschen Ufer zog der Club im April 1973 mitsamt Steganlage und Clubschiff auf die gegenüberliegende Rheinseite: nach Beinheim in Frankreich.

Dem MYC war schon beim Kauf bekannt, dass das zu dieser Zeit 76 Jahre alte Schiff nicht mehr „seefest“ (O-Ton in der Chronik vom MYC) war, was durch eine Ultraschall-Untersuchung bestätigt wurde. Eine gründliche Sanierung war erforderlich. Insbesondere musste der gesamte Rumpf von unten her bis über die Wasserlinie mit 6 mm starkem Stahl-blech aufgedoppelt werden. Weitere Wünsche wurden auf ihre mögliche Durchführung geprüft, wie etwa der Einbau eines Öl- und eines Fäkalientankes, von WCs und Duschen, etc. All dies konnte aus finanziellen Gründen erst im Jahr 1982 durchgeführt werden. Wegen der Zollvorschriften konnte dies nicht in Frankreich erfolgen, sondern das Boot musste in eine deutsche Werft.

Das Hausboot wurde dann drei Jahre später zu einem modernen und gemütlichen Clubschiff ausgebaut. Rechtzeitig zum 35-jährigen Jubiläum des MYC wurde das Clubrestaurant im Jahr 2000 noch einmal sehr aufwändig und komplett erneuert.

Zwei Dinge geben Sicherheit, dass es sich wirklich um „unser“ altes Mühlschiff handelt: Zum einen die nunmehr lückenlose Geschichte. Zum anderen das Aussehen dieses inzwischen 124 Jahre alten Eisenschiffes in seiner genieteten Ausführung.

Es ist schön, dass wir jetzt viel mehr über „unser“ altes Mühlenschiff wissen. Und die Leute vom MYC freuen sich, dass sie nun die gesamte Geschichte ihres Boots-Unterbaues kennen, von der ihnen bis dato nur die Zeit ab 1968 näher bekannt war. Diese Anlage und der MYC Baden-Baden waren im Jahr 2016 eines der Ziele bei einem Ausflug des Schiffsmühlenvereins in das Elsass.

 

Zur Vollständigkeit sollen die in diesem Bericht fehlenden Jahre von 1892 bis 1945 angefügt werden:

1892: Bau des Schiffs und der Mühle für die Familie Dofflein in Gernsheim
1895: Einbau moderner Geräte durch die Firma Bühler, Uzwil/Schweiz
1898: Versteigerung der Schiffsmühle und Erwerb durch die Familien Stahl und Volz aus Ginsheim. Verbringung des Schiffes nach Ginsheim.
1898 bis 1928: Die Schiffsmühle mahlt Roggen und Weizen im Hauptstrom des Rheins
1928: Stilllegung der Schiffsmühle. Sie wird zunächst in den Ginsheimer Altrhein verlegt.
1934: Der Freistaat Hessen und die Stadt Mainz erwerben die Anlage in der Absicht, sie zu einem Museum auszubauen. Schließlich handelt es sich um die letzte Schiffsmühle, die auf dem Rhein gearbeitet hat. Verbringung der Schiffsmühle in den Winterhafen der Stadt Mainz. (Anmerkung: der Plan eines Museums wird nicht realisiert; das Haus beherbergt eine Wohnung.)
27. Februar 1945: Der Aufbau brennt bei dem großen Bombenangriff auf Mainz aus und wird total zerstört. Lediglich der eiserne Ponton bleibt erhalten.

Herbert Jack