Die Geschichte der Schiffsmühlen bei Ginsheim reicht viel weiter zurück als bisher angenommen. Unser Mitglied Carl Guthmann hat bei seinen Recherchen im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und im Staatsarchiv Marburg die nachstehenden Eintragungen entdeckt. Näheres hierzu in diesem Beitrag.
1473 In einer „Eheberedung“ zwischen Diether von Hoemberg (auch Besitzer eines nicht mehr identifizierbaren Gutshofes in Ginsheim) und seiner hierzu Frau Lyse von Scharfenstein werden als „Heimsteuer“ (vermutl. Aussteuer) von ihren Brüdern die Rechte am Mühlenwasser und an zwei Mühlen auf dem Rhein, sowie weitere Acker- und Hofgüter aufgeführt.
1629 Im hessischen Dorfbuch des Amtes Kelsterbach werden für Ginsheim drei Rheinmühlen erwähnt, die dem Landgrafen keine Abgabe gezahlt haben und somit „abgeschafft“ oder „mit Abschaffung bestraft“ werden sollen.
Die folgenden Daten sind dem ca. 700 Seiten starken Werk „Schiffmühlen in Europa vom Mittelalter bis in die Neuzeit“ von Daniela Gräf entnommen, in dem auch über die Situation von Schiffsmühlen in Ginsheim berichtet wird. Das Buch ist nicht im Handel zu beziehen.
1704 Freiherr von Schrautenbach, der damals einen Gutshof am südlichen Altrhein betrieb, erhielt 1704 die Genehmigung, eine Rheinmühle „bei den bereits vor Ginsheim liegenden Schiffsmühlen“ zu errichten.
18. Jhd. In einer Auflistung der Mühlen im Oberamt Oppenheim zwecks Registrierung der Wasserfallzinsen werden Ginsheimer Schiffsmühlen erwähnt: „… befinden sich auf dem Rhein oberhalb Mayntz bey Ginsheim 4 Mühlen, jede mit einem Mahlgang, deren possessores [Besitzer] zwam mit keinem Consens [behördliche Erlaubnis] versehen, dennoch liefferen selbige jährl. zur allhiesigen Gefäll-Verweserey von jeder 3 Malter Korn, welcher ihrer Aussag nach schon über 100 Jahr gelliefert worden“ . lm selben Dokument werden auch Oppenheim (4 Mühlen), Gimbsheim (2) und „unterhalb“ Gernsheim (1) als Standorte von Schiffmühlen genannt.
1820 Martin Weber und Johann Schütz aus Ginsheim beabsichtigten, ihre Schiffmühle nach Koblenz zu verlegen. Sie beantragten die Verlegung am 2. August 1820 bei Oberbürgermeister Maehler. Dieser fragte nach, ob es sich dabei um einen Versuch handle. Es ist nicht sicher, ob die Verlegung stattfand.
1838 Bis 1838 lagen die Schiffmühlen im heutigen Altrhein, unmittelbar vor Ginsheim. lm Jahr 1838 waren es 15 Schiffmühlen. Wegen des Baus eines Dammes im Zuge der Rheinbegradigung (Steindamm bei Trebur) wurden die Mühlen in den Hauptrhein vor die Inseln Nonnenau und Langenau verlegt.
1841 lm Oktober 1841 trieb in Ginsheim eine Schiffmühle an. . Die Bergungskosten musste der Besitzer der Mühle tragen, welcher ermittelt wurde.
1853 Als Anlage zum Protokoll der Sitzungen der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ab 1816 jährlich), der Vertreter der Rheinanliegerstaaten angehörten, erschienen die Berichte der technischen Kommission zur Untersuchung des Rheins, die auch eine Übersicht über die Schiffmühlen enthielten. Die Anlage zu Protokoll Nr. 17 von 1853 führt 10 Schiffmühlen „bei Ginsheim auf der rechten Seite“ auf.
1862 An der lngelheimer Aue nahe Mainz bei Mombach auf Mühlstelle IV lag die Schiffmühle von Nik. Gräf und Phil. Krug aus Mainz, deren Mühle früher auf dem Platz Vlll in Ginsheim stand.
1862 Bei einer Aufnahme der Rheinmühlen 1862 gab es 10 Schiffmühlen bei Ginsheim. Die Besitzer waren: Schmidt und Becker aus Mainz bzw. Weisenau; lttner, Reiß und Wimmer aus Ginsheim; Provesta aus Mainz; Rauch und Stahl aus Ginsheim; Wilh. Nix und Stahl aus Mainz bzw. Weisenau; Ant. Nix und Kubel aus Mainz; Keßler und Hornstein aus Mainz; Martin Weber aus Laubenheim mit Konzession von 1856; Jost, Reinheimer, Silbermann und Pfeifer aus Ginsheim; Frz. und Jak. Keßler und Hch. Schäfer aus Mainz
1873 Ein Lageplan der Schiffmühlen aus dem Jahr 1873/74 zeigt 18 Schiffmühlen auf dem Rhein bei Ginsheim. Bis zu sechs Schiffmühlen lagen nebeneinander.
1875 Eine Liste der Besitzer der Ginsheimer Schiffmühlen von 1875 zeigt, dass 22 Schiffmühlen vorhanden waren, welche anteilig je zwei oder drei Besitzern gehörten.
1878 lm Jahr 1878 wurden bei Ginsheim, oberhalb der Rheingauer Pforte, 17 Schiffmühlen gezählt.
1880 lm Winter 1879/80 wurde die Rheinmühle des Müllers Christoph Krug durch Eismassen und Strömung gegen ihren Befestigungspfahl gedrückt und versank.
1880 ln der Nacht zum 1. Juli 1880 trieb eine Ginsheimer Rheinmühle brennend bis zur Mainzer Schiffbrücke. Dort schlug die Mühle um und das eiserne Getriebe sank. Der Rest des brennenden Schiffes trieb unter der Brücke hindurch, direkt auf die Mainzer Schiffmühlen zu. Zwei der Mainzer Mühlen wurden losgemacht, um ein Unglück zu vermeiden und die brennende Schiffmühle sank an der Stelle, an der die beiden Mainzer Mühlen gelegen hatten. Fünf Schiffmühlen wurden 1880 von Ginsheim nach Nackenheim verlegt.
1898 Georg Stahl und Karl Volz aus Ginsheim kauften die eiserne Schiffmühle der Gebrüder Dofflein aus Gernsheim als Ersatz für ihre durch von einem vorbeifahrenden Dampfer verursachten Wellengang umgekippten Rheinmühle. Die neue Schiffmühle bestand aus einem eisernen Schwimmkörper von 25 m Länge und 6,25 m Breite, auf dem das Mühlhaus mit Bretterverkleidung stand. Die Mühle war mit zwei Walzenstühlen und einer Schrotmühle ausgestattet.
1928 Die letzte Schiffmühle auf dem Rhein bei Ginsheim stellte 1928 ihren Betrieb ein und wurde in den Altrhein verbracht. Sie wurde 1930 vom Freistaat Hessen aufgekauft, unter Denkmalschutz gestellt und in den Mainzer Winterhafen geschleppt.
1940 – 1945 Während des 2. Weltkriegs war die Schiffmühle in den Mainzer Zollhafen gebracht worden und war dort gegenüber dem Getreidespeicher verankert. Sie sollte später als Museum eingerichtet werden. Die Mühle war zweistöckig, aus Holz gebaut und das Dach mit Teerpappe gedeckt. Ab Oktober 1940 wohnte die Familie Hammer in der Mühle. Johann Hammer war beim Tiefbauamt der Stadt Mainz angestellt und sollte die Mühle instand halten. Bei dem verheerenden Bombenangriff am 27. Februar 1945 brannte die Mühle vollständig aus und versank.
Doch damit ist ihre Geschichte noch nicht zu Ende. Hinweise unseres Mitglieds Jürgen Petry und intensive Nachforschungen unseres Gründers Herbert Jack haben das abenteuerliche Schicksal des alten Pontons offenbart, der noch heute auf dem Rhein schwimmt.
Ende der 1990-er Jahre beginnt Herbert Jack mit seinen Nachforschungen zur Technik der letzten Rheinmühle. Daraus entsteht im Laufe der Jahre die Idee für eine Rekonstruktion. Der genaue Ablauf dieses ungewöhnlichen Projekts ist in einem
132 Seiten starken und reich bebilderten Buch ausführlich dokumentiert, das in der Schiffsmühle erhältlich ist. Hier nur die wichtigsten Meilensteine:
2002 Die Planung zur Rekonstruktion der letzte Rheinschiffsmühle beginnt. Der Heimat-und Verkehrsverein e.V. Ginsheim und Studenten der Fachhochschule Wiesbaden arbeiten an dem Projekt. Die Pläne für den Nachbau wurden von Prof. Dr. Holland von der Fachhochschule Rüsselsheim erarbeitet.
2008 Der Verein Historische Rheinschiffsmühle Ginsheim e.V. wird am 18. Februar 2008 gegründet. Damit nimmt die Vision des Vorsitzenden Herbert Jack, eine historische Schiffsmühle zu rekonstruieren, konkrete Gestalt an. In den Jahren davor waren bereits zahlreiche authentische Maschinen und andere Bauteile aus stillgelegten Wassermühlen gesammelt worden.
2011 Nachdem die Finanzierung in Höhe von rund 500.000 € gesichert ist, werden die Aufträge für den Ponton und den Fachwerkaufbau erteilt. Auf der Schiffswerft Braun in Speyer beginnt am 18. April der Bau des stählernen Pontons. Nach ihrer Fertigstellung wird die Schiffsmühle am 29 September 2011 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und begleitet von zahlreichen Wassersportlern an ihren Liegeplatz bei Stromkilometer 493 in Ginsheim verbracht.
2015 Im April erfolgt die Übergabe der betriebsbereiten Mühle an die Öffentlichkeit, nachdem durch den freiwilligen Arbeitseinsatz eines sehr fähigen Handwerker-Teams aus dem Kreis der Mitglieder der Innenausbau fertiggestellt ist.
